Der Sandregenpfeifer ist ein Brutvogel an den deutschen Küsten von Nord- und Ostsee. Er ist durch eine Vielzahl von Faktoren in seinem Bestand bedroht. Wie groß der Einfluss von Prädatoren sein kann, zeigte eine Studie, die Grönland mit Großbritannien verglich. Während in Grönland aufgrund der kurzen Brutsaison meist nur ein Brutversuch möglich ist, können Paare in Großbritannien nach Gelegeverlusten bis zu fünf Brutversuche unternehmen. Ursache dafür ist der deutlich höhere Prädatorendruck in Großbritannien, der zu erheblich höheren Gelegeverlusten führt. Trotz der größeren Zahl an Brutversuchen ist der Bruterfolg in Grönland deutlich höher als in Großbritannien. Ein wesentlicher Grund liegt in der deutlich geringeren Dichte bodengebundener und flugfähiger Nesträuber in den arktischen Brutgebieten – in Großbritannien treten etwa Rotfuchs und Rabenkrähe wesentlich häufiger auf. Ähnliche Verhältnisse gelten für die mitteleuropäischen Brutgebiete des Sandregenpfeifers: Hinzu kommt hier inzwischen vielerorts der Waschbär, der als effizienter Gelege- und Jungvogelräuber zusätzliche Verluste verursachen kann. Außerdem bietet die dichtere Vegetation in Mitteleuropa zahlreichen Räubern bessere Deckungsmöglichkeiten als die meist offenen, übersichtlichen Tundren Grönlands, wodurch sich Nester leichter unbemerkt anschleichen und auffinden lassen.
Größe: 18–20 cm
Flügelspannweite: 48–57 cm
Gewicht: 42–78 g
Verbreitung: Unterart hiaticula: Brutgebiet NO-arktisches Kanada, Grönland, Island, Spitzbergen, S-Skandinavien bis Frankreich, Überwinterung v. a. W-Afrika;
Unterart tundrae: Brutgebiet N-Skandinavien und N-Russland bis Tschuktschen-Halbinsel, vereinzelt N-Beringmeer/St. Lawrence I., Überwinterung Kaspisches Meer und SW-Asien bis S-Afrika
Zugverhalten: Zugvogel; Winterquartiere v. a. Afrika, auch Mittelmeerraum, Iberische Halbinsel, Rotes Meer, Persischer Golf; Unterart tundrae zusätzlich O- und S-Afrika; hohe Ortstreue während Zug und Überwinterung
Nahrung: Kleine Krebstiere, Mollusken, Vielborster, Isopoden, Amphipoden, Insekten und deren Larven, Tausendfüßer; Nahrungssuche tags und nachts, v. a. Wattflächen; Trupps meist bis 50, selten 1200–1500 Individuen
Lebensraum: Küsten mit Sand- oder Kiesstränden, Sandbänken, Wattflächen, Ästuaren, gelegentlich Flüsse, Seen, Lagunen, Salzwiesen, kurzrasige Grasflächen, überflutete Felder, künstliche Habitate; auch Tundra, Brutvorkommen bis 1200 m (Norwegen); bevorzugt feuchte Substrate, selten Flachwasser
Brutzeit: Eiablage April (Nordseeraum), Juni bis Mitte Juli (Island), Juni (N-Eurasien), nicht vor vierter Juniwoche (NO-Grönland)
Nest: Flache Bodenmulde, ausgekleidet mit Kieselsteinen, Pflanzenresten, gelegentlich an überdachten oder beschatteten Stellen; Nester 5–100 m auseinander, einzeln oder in lockeren Nachbarschaftsgruppen
Fortpflanzung: Saisonal monogam; Gelege 4 (3–5) Eier; 2–3 Bruten pro Jahr, im Norden nur eine; Brutdauer 21–27 Tage; Flugfähigkeit nach ca. 24 Tagen; Junge bald danach selbständig
Höchstalter: 21 Jahre und 11 Monate; mittlere Lebenserwartung nach erstem Jahr: 5,2 Jahre
Der häufigste Ruf ist ein wohlklingender, meist zweisilbiger Kontakt-, Warn- und Schreckruf🔊, dessen Klang je nach Erregung und Individuum leicht variiert. Die Rufaktivität ist im Frühjahr am stärksten ausgeprägt und nimmt während der Bebrütung deutlich ab. Das Männchen trägt im Singflug🔊 eine lange Folge rasch aneinandergereihter, melodischer Silben vor, während beim Scheinnisten weitere charakteristische Rufreihen zu hören sind. Jungvögel äußern zunächst sehr feine und hohe Rufe, die sich mit zunehmendem Alter der Stimme adulter Vögel annähern.

Der Sandregenpfeifer brütet in Deutschland überwiegend an den Küsten von Nord- und Ostsee. Rund 60 % des Bestandes entfallen auf das Wattenmeer, mit Schwerpunkten in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Weitere bedeutende Brutgebiete liegen an der Ostseeküste, insbesondere auf Inseln, Nehrungen und Strandinseln. Entlang der Elbe und der Weser reicht das Brutvorkommen bis weit ins Binnenland hinein. Vereinzelt brütet die Art außerdem in wiedervernässten Mooren, in Poldern sowie an einzelnen Standorten in Brandenburg und Niedersachsen.
Bevorzugt werden dynamische Küstenlebensräume mit Stränden, Strandwällen, Nehrungen und Primärdünen. Daneben nutzt die Art wenig bewachsene Dünen, trockenes Salzgrünland sowie kurzrasige, teils übersandete Flächen. Im Binnenland besiedelt sie vor allem Ersatzlebensräume wie Großbaustellen, Kiesgruben, Spülfelder sowie trockengefallene Klär- und Fischteiche. Auch kiesbedeckte Parkplätze, wiedervernässte Hochmoore und überstaute Niederungsflächen werden als Brutplätze angenommen. Gemeinsam ist allen Brutgebieten ein weitgehend offener, vegetationsarmer Boden.
Die Bestandsentwicklung des Sandregenpfeifers wird als stabil eingeschätzt. Die Entwicklung unterliegt jedoch starken Schwankungen: Nach starken Bestandsverlusten bis etwa 1970 kam es an Teilen der Nord- und Ostseeküste zeitweise wieder zu einer Erholung. Bis Mitte der 1980er Jahre erreichte der deutsche Bestand im 20. Jahrhundert seinen Höchststand, bevor erneut ein deutlicher Rückgang einsetzte. Ursachen waren unter anderem die natürliche Vegetationsentwicklung auf eingedeichten Flächen, die zunehmende touristische Nutzung der Strände sowie die Verluste geeigneter Brutlebensräume.
Der Herbstzug beginnt in Deutschland bereits im Juli, erreicht seinen Höhepunkt meist im August und September. Je nach Region
erstreckt er sich bis Ende Oktober. Der Frühjahrszug setzt ab März ein und verläuft in zwei Zugwellen: Zunächst ziehen die
Brutvögel des Nord- und Ostseeraums sowie West- und Mitteleuropas. Die weiter nördlich brütende Unterart C. h. tundrae folgt überwiegend von April bis Anfang
Mai.
Deutsche und andere mitteleuropäische Sandregenpfeifer überwintern vor allem an den Küsten des Ärmelkanals und des Atlantiks, insbesondere von Nordfrankreich bis zur Iberischen
Halbinsel. Jungvögel ziehen im Herbst später als Altvögel.
Adulte Vögel im Brutkleid tragen eine schwarze Gesichtsmaske mit weißem Stirnband und ein geschlossenes schwarzes Kropfband, wobei ♂ eine tiefschwarze Maske zeigt und ♀ meist eine bräunliche, weniger kontrastreiche Variante mit individuell schwankendem, teils unterbrochenem Kropfband aufweist. Schnabel und Beine sind zur Brutzeit leuchtend orange gefärbt. Im Jugendkleid fehlen die schwarzweiße Maske und das schwarze Kropfband. Stattdessen zeigen Scheitel-, Rücken-, Schulter- und Ellbogenfedern eine dunkle Subterminalbinde vor hellen Federsäumen, während Kopfzeichnung und Kropfband bräunlich und blass wirken.
Die nordische Unterart C. h. tundrae ist im Durchschnitt kleiner als die Nominatform Charadrius hiaticula hiaticula und kann dadurch kompakter wirken. Besonders im Mai und Juni fallen solche kleinen, dunklen Vögel mitunter in Trupps neben den größeren, bereits brütenden Sandregenpfeifern der Nominatform auf.

Der Sandregenpfeifer wirkt insgesamt rundlicher und hochbeiniger und besitzt im Brutkleid eine leuchtend orange proximale Schnabelhälfte, während beim Flussregenpfeifer besonders der deutlichere gelbe Augenring auffällt. Beim Sandregenpfeifer beginnt der weiße Überaugenfleck häufig erst über der hinteren Augenhälfte. Beim Flussregenpfeifer ist der weiße Überaugenstreif gewöhnlich durchgehend. Im Winter behält der Sandregenpfeifer das schwarze Kopf- und Brustmuster, während die entsprechenden Brutkleidmerkmale beim Flussregenpfeifer stärker zurücktreten. Junge Sandregenpfeifer zeigen zudem einen weißen Überaugenfleck, einen schärfer kontrastierenden weißen Halsring und einen im Feld kaum erkennbaren braunen Augenring. Dunenjunge ähneln denen des Flussregenpfeifers, unterscheiden sich jedoch durch das Fehlen einer schwarzen Stirnbinde und eines schwarzen Zügelstrichs sowie durch ein schmaleres Hinterhauptband.